Forschung von heute und Techniken von morgen

01.02.2012

5. AAL-Kongress zeigte Entwicklungsstand von Technologien für ein selbstbestimmtes Leben

Moderne Medizin lässt die Menschen heute immer älter werden. Spezielle Assistenz-Technologien sollen dabei helfen, die gewonnenen Jahre länger in Selbstständigkeit zu verleben. Unter dem Stichwort Ambient Assisted Living (AAL) werden derartige Technologien in ihrer Entwicklung und Anwendung stark gefördert. Der jährliche AAL-Kongress zog vom 24. bis 25. Januar 2012 in Berlin eine Bilanz der fünfjährigen Programmförderung und präsentierte Einsatzerfahrungen aus der Praxis. An der Veranstaltung beteiligte sich auch das Projekt WTT der TSB Innovationsagentur gemeinsam mit anderen Netzwerken zu Sensorik, Vernetzt Leben und Medizintechnik.
Der Kongress wurde wie in den Vorjahren gemeinsam von BMBF und VDE ausgerichtet und bot Forschern und Entwicklern, Herstellern und Anwendern sowie Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Verbänden eine Plattform zu einem intensiven Meinungs-, Informations- und Wissensaustausch zu den Themen: Arbeit - Pflege – Technik, Teilhabe und Mobilität Lösungen, die die soziale Teilhabe und Mobilität älterer Mitmenschen verbessern, Ideen und Konzeptstudien zu Techniken von morgen sowie technische Forschung von heute. 
Nach Angaben der Veranstalter wird im Jahre 2012 auf dem Markt für technische Assistenzsysteme und –produkte allein in den USA und Europa ein Umsatz bis zu 7,7 Mrd. Dollar erzielt werden. Für Deutschland eröffneten sich beachtliche wirtschaftliche Chancen, und dies nicht nur aufgrund der Einsparpotenziale im Gesundheitswesen. AAL-Techniken haben Bezug zur Elektro- und Medizintechnik, Automation, Informations- und Kommunikationstechnik und RFID bis hin zu Mikrosystemtechnik und Robotik. Deshalb warb der VDE auf der Tagung dafür, möglichst schnell internationale technische Normen für technische Assistenzsysteme zu etablieren und legte für Deutschland eine „Normungs-Roadmap AAL“ vor. „Deutschland bietet sich angesichts seiner Vorreiterrolle in der Normung und seiner guten Technologieposition die Chance“, so VDE-Vorstandsvorsitzender Hans Zimmer, „AAL nicht nur für Deutschlands reife Gesellschaft, sondern auch für internationale Exporterfolge zu nutzen“. 
BMBF-Staatssekretär Thomas Rachel verwies darauf, dass sein Ministerium in diesem Jahr über 20 neue Forschungsprojekte für altersgerechte Assistenzsysteme starte. Ein Schwerpunkt gelte der Mobilität im hohen Alter. Im Zuge der neuen Demografie-Strategie der Bundesregierung solle auch das Erfahrungswissen der älteren Bevölkerung in die Technik-Entwicklung stärker als bisher einbezogen werden. Dazu starte das BMBF im Februar an vier Orten „Senioren-Werkstattgespräche“. Rachel: „Wir wollen damit Betroffene zu Beteiligten machen“.

Das NEMO-Netzwerk MoniSzen, das von der Berliner Gesellschaft zur Förderung angewandter Informatik e.V. (GFaI) koordiniert wird, informierte an einem Gemeinschaftsstand mit seinen Netzwerkpartnern über Ergebnisse eines Projekts zur Ortung hilfsbedürftiger Personen in abgegrenzten Bereichen mit geschlossenen Räumen sowie Außenanlagen (Projektes QUOLOCO) sowie über das kürzlich angelaufene BMBF-Verbundprojekt WikiNavi. Nach Angaben von GFaI-Leiter Prof. Alfred Iwainsky handelt es sich dabei um ein Navigationssystem für Personen mit körperlichen Behinderungen in urbanen Gebieten mit vielfältigen Mobilitätsangeboten. Das Navi-System verknüpft einzelne Stationen eines Weges zu einer „Mobilitätskette“ und gibt dem Nutzer Informationen, worauf er an der jeweiligen Station besonders zu achten hat, um keinen Verkehrsgefährdungen ausgesetzt zu sein. 
Dr. Sibylle Meyer vom Berliner SIBIS Institut für Sozialforschung und Projektberatung stellte eine Studie zur „Service-Robotik für ältere Menschen“ vor. Danach können sich 56 Prozent der befragten Senioren vorstellen, die Unterstützung eines Roboters in Anspruch zu nehmen, wenn dieser ihre Wünsche nach Selbstständigkeit, Autonomie und Mobilität unterstützt. Voraussetzung dafür sei, so Frau Meyer, „dass die Bedienung einer solchen Maschine einfach ist, die Sicherheitsanforderungen eingelöst werden und dass sich die Maschinen in jedem Fall den Wünschen des Nutzers unterordnen“. 
Dr. Axel Viehweger, Vorstand des Verbandes Sächsischer Wohnungsgenossenschaften, stellte die Anstrengungen dar, Wohnungen so umzurüsten, dass sie für ältere Menschen länger benutzbar bleiben. Seine Organisation strebe an, zehn Prozent des Wohnungsbestandes dahin gehend zu modernisieren. Den Anteil für den Einbau technischer Assistenzsysteme an den Gesamtkosten schätzte Viehweger auf rund 30 Prozent. Allerdings seien die Kosten aufgrund der Leistungssteigerung von Mikroelektronik und Informationstechnik stark fallend, weshalb sich in einigen Jahren ein Massenmarkt abzeichne. In diesem Jahr schlage der Einbau von AAL-Technik in einer Wohnung im Durchschnitt mit 10.000 Euro zu Buche. 2011 sei dieser Betrag noch doppelt so hoch gewesen. Wenn sich für das nächste Jahr eine weitere Halbierung ergebe und im Jahr 2014 nur noch 2500 Euro für eine AAL-Ausrüstung nötig sei, „dann“ – war sich Vieheweger sicher – „dann erreichen wir die breite Masse“.
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Text: Manfred Ronzheimer